Wind und Meer formen die Landschaft. © Norbert Rosing_DBU Naturerbe

Jenseits des Trubels: In Peenemünde kommen Naturliebhaber auf ihre Kosten

Lange Zeit führte Peenemünde im Norden der Insel Usedom eine Art „Mauerblümchendasein“. Im Tourismus gaben lange Zeit die Kaiserbäder im Osten oder Seebäder wie Zinnowitz den Ton an. Das ändert sich. Denn die Peenemünde hat sich zu einem kulturellen Hotspot für Geschichte, Natur, Kultur und Technik entwickelt.

Historisch-Technische Museum Peenemünde arbeitet NS-Kapitel auf

Wanderer, Historiker, Radausflügler und Naturfreunde geben sich hier regelrecht die „Klinke in die Hand“. Allein die Naturhighlights zwischen Karlshagen und Peenemünde lassen die Besucher mit der Zunge schnalzen. Ruthes Knabenkraut, Kartäuser-Nelke, Strand-Tausendgüldenkraut, Fischotter, Marder, Abendsegler, Kiebitz, Kreuzotter, Heidelerche und als Krönung natürlich der Seeadler mit gleich zwei Brutpaaren im Revier. Die Region bietet aber auch historisch Interessierten viel Wissenswertes.

Im Museum Peenemünde wird die Geschichte der Heeresversuchsanstalten aufgearbeitet. © HTM
Im Museum Peenemünde wird die Geschichte der Heeresversuchsanstalten aufgearbeitet. © HTM

Peenemünde wurde weltweit bekannt, weil die Nationalsozialisten hier ab 1936 eine Heeresversuchsanstalt betrieben, um Raketen und die berüchtigten „Vergeltungswaffen“ zu entwickeln, zu produzieren und zu testen. Rund 10.000 Menschen schufteten hier unter unsäglichen Bedingungen in diesem Rüstungsareal, darunter auch Häftlinge aus Konzentrationslagern. Heute arbeitet das Historisch-Technische Museum diese geschichtlichen Kapitel auf und präsentiert die wichtigsten Themen dreisprachig in modernster Ausstellungstechnik und -methodik. Darüber hinaus wartet das Museum regelmäßig mit Sonderausstellungen rund um das Thema Raumfahrt auf.

Und jedes Jahr im Herbst, wenn das Usedomer Musikfestival Freunde der Klassik auf die Insel einlädt, dann steht Peenemünde in besonderer Weise im Blickpunkt. Und auch in diesem Jahr will das Festival an dem Ort, wo Massenmord systematisch geplant wurde, wieder ein Zeichen für Frieden und Völkerverständigung setzen. Ein Garant dafür wird auch im Jahr 2021 das Baltic Sea Philharmonic unter der Leitung von Kristjan Järvi sein. Dieses Orchester vereint junge Musiker aus allen Ländern des Ostseeraums und wird erneut für begeisternde musikalische Erlebnisse sorgen.

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Faszinierende Denkmal-Landschaft mit kostenloser App erkunden

Die 25 Quadratkilometer große Gemarkung Peenemünde birgt aber auch eine Vielzahl von Boden- und Baudenkmalen vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Die „Denkmal-Landschaft” ist ein Rundweg von 25 km Länge mit derzeit 23 Stationen. Unter Aussparung sensibler Bereiche werden Besucher zu den historisch interessantesten Punkten geführt. An jeder Station befindet sich ein Schild mit weiteren Informationen. Ausgehend vom Historisch-Technischen Museum Peenemünde ermöglicht der individuelle Rundgang dem Besucher aber auch, den ökologischen und symbolischen Wert dieser Landschaft zu erfahren, denn sie lädt dazu ein, über das Verhältnis von Mensch, Natur und Technik nachzudenken.

Wie aus einem Märchen – die Eichen fühlen sich gut auf der Naturerbefläche. © Norbert Rosing_DBU Naturerbe
Wie aus einem Märchen – die Eichen fühlen sich gut auf der Naturerbefläche. © Norbert Rosing_DBU Naturerbe

Interessenten können auch die kostenlose App „Peenemünde Denkmal-Landschaft“ nutzen. Die App dient als interaktiver Multimedia-Guide und bietet mit vielen historischen Fotos, Filmaufnahmen, Dokumenten und Zeitzeugenberichten spannende Einblicke und Hintergrundinformationen. Die integrierte Kartenansicht mit Navigationsfunktion hilft beim Auffinden der Stationen und beinhaltet verschiedene Tourenvorschlägen. Zum besseren Verständnis empfehlen die Macher der App zunächst einen Besuch des Museums, um sich hier an einem historischen authentsichen Ort auf eine ganz besondere Zeitreise zu begeben.

Seltene Tierarten und Pflanzen werden im Naturerbe Peenemünde geschützt

Der Seeadler ist mit mehreren Brutpaaren vertreten. © Nabu_Klemens Karkow
Der Seeadler ist mit mehreren Brutpaaren vertreten. © Nabu_Klemens Karkow

Der Bund hat vor Jahren begonnen, 156.000 Hektar national bedeutsame Flächen als Nationales Naturerbe an die Bundesländer, an Naturschutzverbände und Stiftungen zu übergeben. Das DBU Naturerbe, gemeinnützige Tochtergesellschaft der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), hat davon insgesamt rund 70.000 Hektar auf 71 Naturerbeflächen in zehn Bundesländern übernommen. Hierbei handelt es sich größtenteils um ehemals militärisch genutzte Flächen – so auch die DBU-Naturerbefläche Peenemünde. Alle DBU-Naturerbeflächen sind gänzlich dem Naturschutz gewidmet – wertvolle Lebensräume für teils seltene Tier- und Pflanzenarten werden langfristig erhalten und entwickelt.  

Die DBU-Naturerbefläche Peenemünde befindet sich seit 2012 im Eigentum des DBU Naturerbes, verantwortlich für das Naturschutz-Management ist das DBU Naturerbe bereits seit 2010. Die rund 2020 Hektar umfassen den Peenemünder Haken in der Nordwestspitze von Usedom, die Halbinsel Struck und die Insel Ruden. Trotz der militärischen Nutzung blieb ein Großteil der alten Eichen- und Buchenwälder, Kieferwälder auf Dünen sowie nasse Erlen- und Moorbirkenbrüche erhalten. In Bombenkratern und Geländesenken sind Klein- und Moorgewässer entstanden. Brackwasser-Röhrichte, kleine Sandinseln, See- und Salzgraswiesen dienen vielen Wasservögeln als wichtiger Rast-, Mauser- und Nahrungsplatz.

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Ruthes Knabenkraut galt einst als ausgestorben – rund um Peenemünde ist es wieder anzutreffen. © Norbert Rosing_DBU Naturerbe
Ruthes Knabenkraut galt einst als ausgestorben – rund um Peenemünde ist es wieder anzutreffen. © Norbert Rosing_DBU Naturerbe

Die Greifswalder Oie ist ein Naturschutzgebiet

Peenemünde ist auch Ausgangspunkt für einen Tagesausflug mit dem Motorschiff der Apollo Reederei hinaus zur Greifswalder Oie. Dieses Eiland ist etwa 1.550 Meter lang, maximal 570 Meter breit und im Kliff auf der Ostseite maximal 19 Meter hoch. Die gesamte Insel ist ein Naturschutzgebiet, denn hier rasten im Herbst und Frühjahr die Zugvögel auf ihrem Flug nach und von Skandinavien. Fitis, Rotkehlchen, Trauerschnäpper oder Wintergoldhähnchen verschnaufen auf ihrem Zug ebenso wie die seltene Bergbraunelle. Betreut wird die Oie vom Verein Jordsand, der mit seinen überwiegend ehrenamtlich tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Zählung und Beringung der Zugvögel vornimmt.

Die Bergbraunelle gehört zu den Seltenheiten, die auf der Oie Rast auf ihrem Zug von Skandinavien machen.
Die Bergbraunelle gehört zu den Seltenheiten, die auf der Oie Rast auf ihrem Zug von Skandinavien machen.

Wer die Schönheit dieser kleinen, aber auch die der großen Schwestern Usedom und Rügen genießen möchte, ist gut beraten, den Leuchtturm zu besteigen und von hier oben bei einem Rundblick die Augen schweifen zu lassen. Beim Rückweg zum kleinen Hafen lohnt sich eine Pause unweit des steinigen Strandes, denn dort sonnen sich die Kegelrobben mit ihren Jungen. Ihre Zahl hat sich in den zurückliegenden Jahren überaus erfreulich entwickelt, so dass die einst vom Aussterben bedrohte Art wieder rund um die Oie und im Greifswalder Bodden eine Heimstatt gefunden haben.                       Eckhard Behr

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