Der Koloss von Prora, rechts befindet sich die Ostsee, links oben der Kleine und der Große Jasmunder Bodden.

Zeitreise nach Prora – was aus dem gigantischen Nazi-Seebad wurde

Prora sollte das „Seebad der 20.000“ werden. Soweit kam es nicht – der Beginn des Zweiten Weltkrieg erzwang den Baustopp. Das größte Ferienprojekt der Welt blieb ein Rohbau. Heute gibt es in dem geschichtsträchtigen Ortsteil des Ostseebads Binz in dem monumentalen Bau neben einer Jugendherberge und Ausstellungen auch Eigentumswohnungen.

Was „Kraft durch Freude“ in Prora bewirken wollte

Die Insel Rügen – Kreidefelsen, Störtebeker-Spiele, Strände ohne Ende. Deutschlands größte Insel kann mehr: Finsteres Menschenwerk lässt den Besucher im Osten des Eilands erschauern. Wenn er sich an einem 4,6 Kilometer langen sechsstöckigen Gebäude mit 10 000 Zimmern entlang staunt. Dieses apokalyptisch riesige Haus gibt es wirklich. Hitler selbst und Robert Ley, Führer der Deutschen Arbeitsfront, ließen es errichten.

Grundsteinlegung für das "Kraft durch Freude - Seebad" Prora im Jahr 1936. Foto: Archiv Nordkurier
Feierliche Grundsteinlegung für das Kraft-durch-Freude-Seebad Prora auf Rügen im Jahre 1936. Foto: Archiv Nordkurier

2. Mai 1936: „Kraft durch Freude“ legte den Grundstein für das „Seebad der 20 000“ in Prora. Fast nur Uniformen sind zu sehen, die Luftwaffe fliegt Formation. Das Datum war ideologisch gewählt und hatte mit dem Beginn der Bauarbeiten kaum etwas zu tun – es war der Jahrestag der Zerschlagung der Gewerkschaft durch die Nationalsozialisten. Der Grundstein übrigens, in dem die wohl letzten Ausgaben der Originalpläne vermutet werden, wurde bis heute nicht gefunden. Kraft durch Freude (KdF) war eine nationalsozialistische Organisation, die am 28. November 1933 auf einer Sondertagung der Deutschen Arbeitsfront (DAF) mit dem Ziel, die Freizeit der deutschen Bevölkerung zu gestalten und zu überwachen, gegründet wurde.

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Das „Seebad der 20 000“ kam wegen des Zweiten Weltkrieges also nie über den Rohbau hinaus. Heute wird der geschichtsträchtige Ort aus der dunklen Vergangenheit saniert und modernisiert. Doch was steckt hinter den heute in strahlendem weiß gestrichenen Fassaden der neuen Appartments, die man für teures Geld beziehen kann? Was ist übrig von dem einstigen Wahnsinnsbau der Nationalsozialisten?

Mentale Stärkung der Bevölkerung mit Blick auf Krieg

Das Ziel der KdF war eine „mentale Stärkung der Bevölkerung“ mit Blick auf den bevorstehenden Krieg. Motto war „ein starker Arischer Geist braucht Nahrung“. Angestrebt war, dem Normalbürger Freizeit und Urlaub zu ermöglichen, was bis dahin nur der Oberschicht möglich war.

Prora: In den 1930er Jahren liefen hier die Bauarbeiten zum größten Seebad aller Zeiten. Der Zweite Weltkrieg verhinderte eine Fertigstellung.
In den 1930er Jahren liefen hier die Bauarbeiten zum größten Seebad aller Zeiten. Der Zweite Weltkrieg verhinderte eine Fertigstellung.
Foto: Archiv Nordkurier

Und tatsächlich war die KdF von 1934 bis 1939 der größte Touristikanbieter und betreute rund sieben Millionen Gäste. Neben Kreuzfahrten sollten insgesamt fünf Seebäder für jeweils 20.000 Menschen gebaut werden. Allerdings wurde nur auf Rügen mit dem Bau für eins davon begonnen – in Prora. Es sollte das Juwel, ein Pilotprojekt, das erste der fünf geplanten Volksbäder an der Ostsee werden. 20.000 Menschen, die nach einem geregelten Tagesablauf Frühgymnastik machen, essen, baden und sich sonnen sollten.

40 Hektar groß mit Festhalle und Aufmarschplatz

Der Architekt Clemens Klotz sollte im Auftrag von KdF-Führer Robert Ley den „Traum für alle“ verwirklichen: ein einheitlicher, 4,6 Kilometer langer, sechsstöckiger Block mit 10.000 Zimmern. Zwei Betten, ein Schrank, eine Sitzecke und ein Handwaschbecken sollten pro Zimmer genügen. Dusche und WC fanden sich in den landwärts gerichteten Treppenhäusern der Blöcke, dafür gab es als Draufgabe in allen Gästezimmern Radiolautsprecher.

Prora ist von Stralsund aus mit dem Auto gut über Bergen zu erreichen.
Das Ostseebad Binz ist von Stralsund aus mit dem Auto gut über Bergen zu erreichen. Abbildung: Archiv Nordkurier

Die Uniformität der miteinander verbundenen Blöcke sollten nur von einem 400.000 Quadratmeter großen (!) Aufmarschplatz, das sind 40 Hektar, mit Festhalle unterbrochen werden. Geplant waren ein Krankenhaus, Kindergarten, Schule, Bäckerei, Fleischerei, Post, acht Speisehallen, in denen jeweils 900 Personen im Schichtbetrieb essen sollten. Zur Unterhaltung waren unter anderem Kegelbahnen, Leseräume und ein Kino vorgesehen. Sollte das Wetter nicht mitspielen, so sollte es zwei moderne Schwimmhallen mit Meerwasser und Wellenanlage und zum Meer offene beheizbare Liegehallen geben.

Am 2. Mai 1936 erfolge die feierliche Grundsteinlegung durch 15 000 Teilnehmer und den Spitzen der Wehrmacht. Zwischen 1936 und 1939 wurden Zufahrtsstraßen, eine Eisenbahnstrecke, Strandpromenade, Fundamente und die acht Gästeblöcke im Rohbau fertig gestellt. Mit Kriegsbeginn im September 1939 verringerten sich die Bautätigkeiten aufgrund des Rohstoffmangels und den hohen Kosten des Projektes.

Rekonstruktion: So hätten die 10 000 Zimmer für die 20 000 Gäste ausgesehen, wenn das monumetale Bad fertig geworden wäre.
Rekonstruktion: So hätten die 10 000 Zimmer für die 20 000 Gäste ausgesehen, wenn das monumentale Bad fertig geworden wäre.

Rote Armee übernahm das Gelände im Mai 1945

Die Arbeiter wurden abgezogen und in die Heeresversuchsanstalt Peenemünde verlegt. Zwischen 1939 und 1945 erfolgten Instandhaltung und Innenausbau Proras durch polnische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. 1940 kam dann der offizielle Baustopp. Der Aufmarschplatz, die Schwimmbäder, die Festhalle und weite Teile der Wirtschaftsgebäude wurden niemals verwirklicht.

Schauderhaft - der 4,6 Kilometer lange "Koloss von Prora".
Schauderhaft – der 4,6 Kilometer lange „Koloss von Prora“. Fotos: Archiv Nordkurier

Ab Mai 1945 wurde das Gelände durch die Rote Armee übernommen, Teile der Anlage wurden als Kriegsreparationen demontiert. 1948 nahm die Rote Armee Sprengungen am Süd- und Nordteil vor – große Teile blieben stark beschädigt als Ruine stehen. Ab 1949 wurde die Anlage zuerst als Infanterieschule der DDR für 1000 Mann genutzt, 1950 bildete sich daraus eine Kaserne und das gesamte Gelände wurde zum Sperrgebiet. 1956 wurde die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR gegründet, Prora beherbergte rund 10 000 Soldaten.

So wurde Prora zu DDR-Zeiten genutzt

Zeitweilig waren bis zu 19 000 Bausoldaten am Wieder- und Fertigaufbau von fünf Prora-Blöcken beteiligt, der bis in die 1980er-Jahre hinein reichte. Erst jetzt erhielten die Blöcke Zimmer, Fenster, Elektroinstallationen, Türen und den bis heute erhaltenen äußeren Rauputz. Bausoldaten wurden in der DDR diskriminiert, weil sie den Dienst an der Waffe ablehnten und darum einen Spaten auf den Schulterstücken trugen.

Prora wurde nach der Wende im Jahr 1994 unter Denkmalschutz gestellt und erlebt bis heute einen Wandel als Nachbarort des strahlenden Seebads Binz. Prora erfährt eine bei vielen Menschen umstrittene Nutzung: die Blöcke I, II, III, IV, V wurden ab 2004 an private Immobilieninvestoren versteigert und werden nun zu Ferienwohnungen und Eigentumswohnungen umgebaut. 2011 entstand aus dem ehemaligen Block V (Bausoldaten-Block) die „längste Jugendherberge der Welt“ mit 424 Betten und 250 Zeltplätzen.

Ausstellungen dokumentieren Prora im Wandel der Zeit

Heute kann man sich Prora auf einer ausgedehnten Tour erwandern und immer wieder erschaudern ob der monströsen Dimensionen dieser Anlage. Das „Dokumentationszentrum Prora“, Dritte Straße 4, Block III neben dem ehemaligen Theaterbau, bietet eine Dauerausstellung sowie eine Reihe an Sonderausstellungen, Veranstaltungen, Führungen über das Gelände, Bildungsangebote und ein Lesecafé zum Verweilen an. Hier kann man sich einen Überblick über den „Koloss von Prora“ verschaffen.

Die "längste Jugendherberge der Welt".
Die „längste Jugendherberge der Welt“ ist im Ostseebad Binz, Ortsteil Prora. Foto: Archiv Nordkurier

Das ist auch im Órtszentrum neben der Jugendherberge im Block V möglich. Die Ausstellung „Prora – mehr als nur ein schöner Strand 1933-1946“ wurde im Rahmen eines Projekts mit Schülern des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums Bergen erarbeitet. Sie gibt einen Überblick über die Entstehungsgeschichte der Anlage in Prora und zur Nutzung während des Zweiten Weltkrieges. Die kleine Ausstellung „Prora nach 1945“ dokumentiert die Nachkriegsgeschichte Proras und den Wandel zu einem der größten Militärstandorte der DDR.

So sehen die neuen Fassaden vor den Eigentumswohnungen aus.
So sehen die neuen Fassaden vor den Eigentumswohnungen aus.

Die Ausstellung „Opposition und Widerstand – Bausoldaten in Prora 1964-1989/90“ erzählt die Geschichte der Bausoldaten, der Waffendienstverweigerer der DDR, die in Prora stationiert waren. Ab 1982 entwickelte sich Prora zum größten Bausoldatenstandort der DDR. In der Ausstellung stehen neben Fotos und Texten auch Interviews mit ehemaligen Bausoldaten zur Verfügung. Weitere Informationen gibt unter den Rufnummern 038393 127921 und 01520 855318.

Prora ist über die A 20 und Stralsund und Bergen gut per Auto zu erreichen. Weitere Informationen: www.reiseland-ruegen.de, www.prora-zentrum.de, www.proradok.de, www.ostseebad-binz.de, www.ruegen.de. Hartmut Nieswandt

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