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Rollendes Museum auf Rügen: Der Rasende Roland macht noch immer Dampf

Seit über 125 Jahren gibt der Rasende Roland ordentlich Gas. Besser gesagt Dampf. Die traditionelle Schmalspurbahn gehört zur Insel Rügen wie die Kreidefelsen, Ostsee oder Störtebeker-Festspiele. Doch neben der Raserei gehören auch ein Ufo und eine K-Treppe zur größten deutschen Insel. Erleben kann man das bei einem Ausflug in den südöstlichen Teil des Eilands.

Der Rasende Roland „rast“ mit 30 Sachen

Der Rasende Roland am Bahnhof Binz.
Der Rasende Roland am Bahnhof Binz. Foto: Archiv Nordkurier

Raserei – dahinter verbirgt sich natürlich der Rasende Roland, die Schmalspurbahn, die mit maximal 30 Sachen 24,2 Kilometer von Göhren über Binz nach Lauterbach/Mole rast, wie die Inselbewohner sagen. Oder wollen sie sich mit diesem Adjektiv vielleicht ein wenig lustig machen über ihren Dampfzug? Lieber nicht, denn der ist inzwischen eine 1a-Touristen-Attraktion. Am 22. Juli 1895 wurden die ersten elf Kilometer der historischen Schmal­spurbahn (750 Millimeter Spurweite) zwischen Putbus und Binz-Ost eröffnet.

Das Kurhaus ist das bekannteste Gebäude von Binz.
Das Kurhaus ist das bekannteste Gebäude von Binz. Foto: Archiv Nordkurier

Ein geschichtsträchtiger Ortsteil von Binz ist Prora. Einst wollten die Nazis dort das größte Seebad aller Zeiten errichten: Zeitreise nach Prora – was aus dem Nazi-Seebad wurde

Das Schienen­netz wurde bis auf rund 100 Kilometer weiter ausgebaut. Der Rasende Roland ist heute nicht nur ein rollendes Museum, sondern nach wie vor fester Bestand­teil im Nahverkehrs­netz der Insel. Der Fahrzeugpark der Rügenschen Bäderbahn umfasst sechs Dampfloks, zwei Dieselloks die unterschiedlichsten Reisezug­wagen, Pack­wagen und Güter­wagen. Darunter befindet sich auch der historische Traditions­zug, der gelegentlich zu Sonder­zugfahrten unter Dampf gesetzt wird.

Die Kreideküste Rügens mit dem Dampfer erkunden

Wer nicht nur gern auf dem Land, sondern auch zu Wasser unterwegs ist, hat die Möglichkeit, von Mai bis Oktober die Fahrt mit dem Rasenden Roland mit einer Tour auf dem Ausflugs­dampfer zu verbinden und wunder­schöne Tages­ausflüge zu erleben. Zum Beispiel: Zur Tour zur Kreideküste startet der Rasende Roland in Binz, über Sellin und Baabe geht es nach Göhren (oder auch andersherum). Ab Seebrücke Göhren (oder Sellin oder Binz) geht es per „Dampfer“ zur imposanten Kreideküste.

Die Strecke des Rasenden Rolands (rot eingezeichnet).
Diese Strecke legt der Rasende Roland zurück (rot eingezeichnet). Abbildung: Archiv Nordkurier

Oder: Der Ausflug auf den Rügischen Bodden mit der Insel Vilm führt mit Roland bis Lauterbach Mole in Putbus, danach geht es mit dem Fahrgastschiff weiter auf den Rügischen Bodden oder auf die Inselman Vilm (dort gibt es Führungen).

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Historische Aufnahme vom Rasenden Roland.
Historische Aufnahme: Der Rasende Roland rast über die Insel Rügen. Foto: Archiv Nordkurier

Noch ein Blick in die Geschichte: Schmalspurbahnen ratterten einst bis Altefähr und Altenkirchen. Neben der Strecke Putbus über Binz nach Göhren war das Kleinbahnnetz auf Rügen einst wesentlich länger. Der erste Zug dampfte 1895 vom Putbuser Bahnhof nach Binz. Ein Jahr später wurde die Strecke bis nach Sellin verlängert. Ebenfalls im Jahr 1896 entstand der Streckenteil von Putbus über Garz, Poseritz und Gustow nach Altefähr. 1918 wiesen die Kleinbahnstrecken der Rügensche Kleinbahnen Aktiengesellschaft die größte Ausdehnung mit fast 100 Kilometer Streckenlänge auf.

Zu DDR-Zeiten konnte sich die Bäderbahn halten

Bis 1910 erlebte die Bäderstrecke entlang der Ostseebäder Binz, Sellin, Baabe und Göhren einen Aufschwung. Es wurden größere Loks und Wagen in Betrieb genommen und die Bahnhöfe weiter ausgebaut. Der Rasende Roland war sehr gut ausgelastet. Güterwagen konnten nur in kleiner Zahl an die Personenzüge angekoppelt werden. Auf den Strecken nach Altefähr und Altenkirchen spielte der Personenverkehr aber immer eine untergeordnete Rolle, vielmehr wurden landwirtschaftliche Güter, Kohle oder Kreide transportiert.

Ist doch ganz gemütlich im alten Zug.
Ist doch ganz gemütlich im alten Zug. Foto: Archiv Nordkurier

In den folgenden Jahrzehnten erlebte die Schmalspurbahn ein wahres Wechselbad, wurde zum Teil stillgelegt. Die Bäderbahn aber konnte sich auch zu DDR-Zeiten halten. Nach der Wende hatte die Deutsche Bahn kein Interesse mehr am Rasenden Roland, schließlich existierte er als Rügensche BäderBahn (RüBB) privat weiter. Zahlreiche Investitionen in Strecke und Fahrzeuge ließen die Fahrgastzahlen in den vergangenen Jahren kontinuierlich wachsen.

Im UFO von Binz wird heute geheiratet

Binz ist die „Hauptstadt“ an der Strecke des Rasenden Rolands. Binz wird als schönstes Ostseebad, gar „Nizza des Ostens“ bezeichnet, hat ein berühmtes Kurhaus und wunderbaren Sandstrand. Aber, und das ist schon weniger bekannt, Binz hat auch ein UFO! Das, was genau so aussieht wie ein gelandetes UFO, war einst als Rettungsstation gedacht. 1968 wurde die Station durch den berümten Architekten  Ulrich Müther, der zum Beispiel auch den Warnemünder „Teepott“ baute, errichtet. Was das UFO alias Rettungsstation heute so interessant macht, ist die Erkenntnis: DDR-Architektur war nicht nur langweilig, es gab hochinteressante Bauwerke, zu denen ein Ausflug heute mehr denn je lohnt. Heute wird wird die Station vom Standesamt Binz für Trauungen genutzt.

Das UFO von Binz – ein besonderes Stück DDR-Architektur. Seit 2006 wird der Müther-Turm (ein ehemaliger Rettungsturm) für Trauungen genutzt. Foto: Archiv Nordkurier

Fehlt jetzt noch die K…treppe. Das ist die sehr umgangssprachliche Bezeichnung für die freischwebende gusseiserne Wendeltreppe mit 154 Stufen zum 38 Meter hohen Mittelturm des Jagdschlosses Granitz. Dass man durch die gitterförmigen Stufen zwischen seinen Füßen ganz weit nach unten blicken kann, erhöht für empfindliche Naturen noch die Gefahr, dass ihnen so richtig schlecht wird.

Was es mit der Treppe des Horrors auf sich hat

Also: Wer nicht ganz schwindelfrei ist, sollte die „Treppe des Horrors“ lieber meiden, nicht aber das Jagdschloss Granitz selbst. Es thront auf dem Tempelberg, inmitten der schönen Buchenwälder und Hügel der Granitz. Mit über einer Viertelmillion Besuchern im Jahr gehört es zu den bekannteste und beliebtesten Schlössern des Landes. Das Schloss erreicht man ab Binz mit dem Rasenden Roland, an der Haltestelle „Jagdschloss“ aussteigen.

Das Jagdschloss Granitz ist wunderbar gelegen. Der Mittelturm entstand nach Entwürfen von Schinkel.
Das Jagdschloss Granitz ist wunderbar gelegen. Der Mittelturm entstand nach Entwürfen von Schinkel. Foto: Archiv Nordkurier

Von 1837 bis 1846 ließ Fürst Malte I. zu Putbus das Jagdschloss Granitz errichten, hier brachte der Fürst während der Jagdsaison seine adligen Gäste unter. Bis 1945 befand sich das Jagdschloss in Familienbesitz. Heute beherbergt es mehrere Ausstellungen und ein Restaurant. Herzstück des Bauwerkes ist der nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel errichtete Mittelturm, den man über die Wendeltreppe besteigen kann. Auf der Aussichtsplattform bietet sich ein grandioser Panoramablick über die abwechslungsreichen Landschaften von Rügen.

Bei gutem Wetter können zudem Stralsund und die Insel Usedom aus der Ferne betrachtet werden. Sehenswert im Schloss sind auch die originalgetreu mit Möbeln aus dem 19. Jahrhundert gestalteten Salons, deren Glanzstück der berühmte Marmorsaal ist. An die Vergangenheit als Jagddomizil erinnert eine umfangreiche Sammlung von Jagdtrophäen und Gewehren.

Reisen nach Binz: Aus ganz Deutschland bestehen IC- und ICE-Verbindungen bis zum Bahnhof Binz. Zur Weiterfahrt stehen Taxis (Rufnummer 038393 2424) und der öffentliche Personen-Nahverkehr (03838 202955) zur Verfügung. Mit dem Auto fährt man bis Stralsund und dann weiter über den Rügendamm bis Binz. Weitere Informationen: Der Rasende Roland, Bahnhofstraße 14, 18581 Putbus. Hartmut Nieswandt