Kleines Idyll: Hier liegt an der Kuppe des Mühlenbergs noch der blanke Kalk.

Mecklenburg-Vorpommern hat keine Berge, aber Bergbau

Wenn man in der kalten Jahreszeit zwischen Waren (Müritz) und Malchow unterwegs ist, scheinen manche Hügelkuppen seltsam weiß überpudert. Obwohl kein Frost herrscht und kein Schnee fiel. Gut, Berge hat Mecklenburg-Vorpommern fast keine, dafür aber Kreide.

Weißer Berg in Mecklenburg-Vorpommern

Kreide wurde in Mecklenburg-Vorpommern über Jahrhunderte im heutigen Naturpark Nossentin abgebaut, sie brachte Geld und bescheidenen Wohlstand. Zum Beispiel in das Dörfchen Nossentin, das an der Landstraße zwischen Waren (Müritz) und Malchow liegt. Kommt man aus Waren, geht die Straße unmittelbar vor dem Ort in eine scharfe Kurve. Und unmittelbar danach ist linker Hand so ein „weißer Berg“ zu sehen.

Blick vom Mühlenberg auf den Nossentiner Kirchturm: die Kreide färbt das Feld weiß.
Blick vom Mühlenberg auf den Nossentiner Kirchturm: die Kreide färbt das Feld weiß.
Fotos: Hartmut Nieswandt

Die Verwaltung des Naturparks Nossentiner/Schwinzer Heide, die das Gebiet betreut, nahm sich der Kreide an. Sehr interessante geologische und wirtschaftliche Zusammenhänge tun sich auf: Darüber kann man mehr erfahren bei Führungen (siehe Infos am Textende). Das Zentrum liegt direkt an der Kreuzung B 192/B 103 und bietet eine umfangreiche Ausstellung über den gesamten riesigen Naturpark an.

Eine Lorenbahn transportierte die Kreide zum Fleesensee

Doch zurück nach Nossentin. Man kann den weißen Hügel, es handelt sich um den Nossentiner Mühlenberg, – natürlich bei aller Vorsicht – auch allein erkunden. Am anderen Ende des Dorfes führt ein Weg über eine große Wiese hinauf auf die Hügelkuppe.

Im Gebüsch und unter Bäumen entdeckt man die inzwischen zugewachsene einst ausgehobene Schlucht, in der die Schienen für die Lorenbahn verlegt waren. Mit diesen Loren wurde die abgebaute Kreide nach unten transportiert und dort gebrannt oder so wie sie war mit Kähnen über den Fleesensee verschifft. Oder auf dem Landweg an ihren Bestimmungsort im heutigen Mecklenburg-Vorpommern und darüber hinaus gebracht.

Unter Büschen und Bäumen erkannt man noch die Schlucht, die für die Schienem der Lorenbahn ausgehoben wurde.
Unter Büschen und Bäumen im Naturpark Nossentiner Heide erkannt man noch die Schlucht, die für die Schienem der Lorenbahn ausgehoben wurde.

Die Geografin Evelin Kartheuser, stellvertretende Leiterin des Naturparkes Nossentiner/Schwinzer Heide, berichtete während der Führung am Tag des Geotops Interessantes zum Thema Kreide. Unten am See befand sich die Kalkbrennerei, nachweisbar bereits im Jahr 1768.

Geografin Evelin Kartheuser vom Naturpark Nossentiner/Schwinter Heide stellt Bildband "Farben der Stille" vor. Foto: Hartmu Nieswandt
Die Geografin Evelin Kartheuser vom Naturpark Nossentiner/Schwinter Heide stellt den Bildband „Farben der Stille“ vor.

Seit 1887 gab es eine Dampfziegelei

Die Kreide wurde in Kalköfen gebrannt und als Baukalk oder Düngekalk zur Bodenverbesserung genutzt. Auch Ziegel wurden hergestellt. Denn im Tagebau wurden ab 1800 auch Tone gewonnen, die sich dafür eigneten. Von 1835 bis 1913 ist Ziegelproduktion belegt, seit 1887 gab es eine Dampfziegelei.

Blick auf den Mühlenberg bei Silz, von dem ein beträchtlicher Teil durch den Kalkabbau verschwand
Blick auf den Mühlenberg bei Silz, von dem ein beträchtlicher Teil durch den Kalkabbau verschwand.

Oben auf dem Mühlenberg angekommen hat man einen schönen Ausblick auf die hügelige Landschaft, über die Dörfer Nossentin und Silz, bis hin zum Fleesensee. Viel interessanter dürfte aber die Kreide sein, die den Boden hell färbt. Von der einstigen Grube ist ein riesiges Loch geblieben, in dem sich ein kleiner See bildete, der zu neuem, wertvollen Lebensraum wurde. Das sahen die Menschen der Gegend bis fast in die Gegenwart nicht so, sie nutzten das „Loch im Berg“ als willkommene Deponie für Müll und Abfall.

Der Kalkabbau hinterließ ein riesiges Loch im Nossentiner Mühlenberg - das wurde jahrzehntelang als Deponie genutzt.
Der Kalkabbau hinterließ ein riesiges Loch im Nossentiner Mühlenberg – das wurde jahrzehntelang als Deponie genutzt.

Das Geheimnis dieser Berge in Mecklenburg-Vorpommern ist ihre Kreide

Bis in die 1950er-Jahre soll der Kalkabbau erfolgt sein, zuletzt wurde der Rohstoff auf die andere Seite des Fleesensees transportiert, wo am Ufer Ende der 1940er-Jahre ein großes Kalkwerk gebaut wurde. Wie mögen der Mühlenberg und Nossentin mit Kalkwerk, Ziegelei und Verladestelle am Fleesensee ausgesehen haben?

Der Chronist Helmuth Hutschikovsky verfasste eine fast 300 Seiten starke Ortschronik, auch seine Zeichnungen sind noch erhalten. Sie vermitteln einen interessanten Eindruck. Der Tagebau war einst etwa 100 Meter lang, 40 bis 50 Meter breit und an der Hügelkuppe etwa zehn Meter tief. 

So könnte der Tagebau bei Nossentin um 1900 ausgesehen haben. Zeichnung: Helmuth Hutschikovsky
So könnte der Tagebau bei Nossentin um 1900 ausgesehen haben. Zeichnung: Helmuth Hutschikovsky

Zum geologischen Hintergrund erklärte Evelin Kartheuser: der Kalkstein stammt aus dem geologischen Zeitalter Turon, wurde während der jüngsten Eiszeit aus der Region des heutigen Malchin in großen Schollen abgetragen und in das Gebiet zwischen den jetzigen Dörfern Nossentin und Poppentin auf der anderen Seite von Kölpinsee/Fleesensee verschoben. Es handelt sich um eine geologische Besonderheit ersten Ranges – Kreideschollen und Kreidegestein an der Oberfläche, das gibt es nur selten.

Nossentin um 1928 - diese Kartenskizze stammt aus der Hand des Ortschronisten Helmuth Hutschikovsky.
Nossentin um 1928 – diese Kartenskizze stammt aus der Hand des Ortschronisten Helmuth Hutschikovsky.

Naturpark Nossentin feiert 30 Jahre mit einem Bildband

Übrigens: den Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide in Mecklenburg-Vorpommern gibt es jetzt 30 Jahre. Aus diesem Anlass wurde ein wunderbarer Bildband mit dem Titel „Farben der Stille“ mit Fotos von Monika Lawrenz und Jörg Gast veröffentlicht. Der Bildband präsentiert den Naturpark mit seinen Naturschätzen und ausgewählten Kulturdenkmälern. Er ist im Naturpark-Zentrum Karower Meiler, der Bibliothek Malchow, den Tourist-Informationen der Region und ausgewählten Buchläden erhältlich. Hartmut Nieswandt

Infos: Naturpark Nossentin ist mit dem Auto gut von der Autobahn A 19, Abfahrt Malchow, aus zu erreichen. Naturpark-Zentrum „Karower Meiler“, Rufnummer 038738 73900, Naturparkzentrum Ziegenhorn 1, 19395 Plau am See, Ortsteil Karow

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