Blick vom Turm der Stadtkirche. Foto: Archiv Nordkurier

In der DDR wurde die Wasserstadt Fürstenberg nach Brandenburg „abgeschoben“

Die Wasserstadt Fürstenberg ist einzigartig in Deutschland. Eigentlich eine mecklenburgische Gemeinde wurde Fürstenberg 1950 dem Land Brandenburg eingegliedert. Wie der Ort zu dem geschützten Titel Wasserstadt kam, welche Erinnerungen mit der dunkelsten Zeit seiner Chronik verbunden sind und warum die Stadt nicht nur eine Durchfahrt auf der B96 sondern einen kurzweiligen Besuch wert ist, hat Hartmut Nieswand erkundet.

Wasserstadt Fürstenberg ist das Nadelöhr der Bundesstraße 96

Schöne Landschaft pur: am Schwedtsee. Foto: Archiv Nordkurier
Rund um die Wasserstadt Fürstenberg beeindruckt schöne Landschaft pur wie hier am Schwedtsee. Foto: Archiv Nordkurier

Wer sich heutzutage in seinem Auto durch die Wasserstadt Fürstenberg quält, will nur raus aus diesem Städtchen, um endlich wieder ein bisschen zügiger auf der B 96 vorwärts zu kommen. Fürstenberg ist das Nadelöhr der Verbindung Sachsen – Berlin – Mecklenburgische Seenplatte – Ostsee. Zwar kämpfen viele Fürstenberger schon seit Jahren um eine B 96-Ortsumgehung, die gibt es dank deutscher Behäbigkeit aber nach wie vor nicht. Anstatt fort zu eilen würde es sich aber lohnen, in der rund 5000 Einwohner zählenden Stadt in Nordbrandenburg eine große Pause einzulegen. Denn dann könnte der Gast zum Beispiel erkunden, warum Fürstenberg als einziger Ort Deutschlands „Wasserstadt“ heißt. Und dass die Stadt eigentlich mecklenburgisch ist und erst 1950 zu Brandenburg kam.

Im Ortsteil Blumenow. Foto: Archiv Nordkurier
Die brandenburgische Stadt ist komplett von Wasser umgeben – hier der Ortsteil Blumenow. Foto: Archiv Nordkurier

Fürstenberg/Havel liegt an der Oberhavel. Wegen der vielen Seen, Flüsse und Bäche führt der Ort seit 2002 die Zusatzbezeichnung Wasserstadt. Das also ist der offizielle, geschützte Name der Stadt: Wasserstadt Fürstenberg/Havel. Das herzogliche Schloss von Architekt Julius Löwe und die Stadtkirche des Mecklenburg-Strelitzschen Hofbaumeisters Friedrich Wilhelm Buttel sind markante Wahrzeichen des Mecklenburg-Strelitzschen Erbes.

An der Gedenstätte Ravensbrück. Hier wird an die Verfolgten und Ermordeten des größten Frauen-KZ des Deutschen Reiches erinnert. Foto: Archiv Nordkurier
An der Gedenstätte Ravensbrück. Hier wird an die Verfolgten und Ermordeten des größten Frauen-KZ des Deutschen Reiches erinnert. Foto: Archiv Nordkurier

Die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück erinnert an die Opfer des Konzentrationslagers Ravensbrück in der Zeit des Nationalsozialismus. Der Tourismus ist dank der Lage im Neustrelitzer Kleinseenland seit der Eröffnung der Berliner Nordbahn 1877 ein bedeutender Wirtschaftszweig der Stadt. Denn dank der Bahn entdeckten Berliner die wunderschöne Landschaft vor allem als Sommerfrische für sich. Die Havel durchfließt die Stadt in vier Läufen. Das große Werder, das ist die Insel, auf der die Stadt entstand, wird vom südlichen Kanal mit der Schleuse und der Iserdieck, dem nördlichen Havellauf, begrenzt.

Blick auf einen Teil der Wasserstadt. Foto: Archiv Nordkurier
Blick auf einen Teil der Wasserstadt. Foto: Archiv Nordkurier

1287 erfolgte die erste urkundliche Erwähnung der Stadt. Gebäude wie die alte Burg (12. Jahrhundert) oder das Barockschloss (Mitte 18. Jahrhundert) sind markante steinerne Zeugen. Fürstenberg kam 1348 mit dem Fürstenberger Werder in die Hände der Herren von Mecklenburg. Im Jahr 1845 wurde die das Stadtbild dominierende Stadtkirche durch Friedrich Wilhelm Buttel erbaut. Im 20. Jahrhundert erlebte Fürstenberg einen industriellen Aufschwung. 1877 erhielt die Stadt ihren Bahnhof an der Berliner Nordbahn. Dank der landschaftlich reizvollen Lage entwickelte sich die Stadt zum Luftkurort.

Dunkelste Kapitel der Stadt begann 1938/1939

Das dunkelste Kapitel der Region begann 1938/39 mit der Errichtung des größten Frauen-Konzentrationslagers (KZ) des Deutschen Reiches am Nordostufer des Schwedtsees in der damals selbstständigen Gemeinde Ravensbrück. Der Komplex umfasste eine Fläche von etwa 200 Hektar. Insgesamt wurden dort etwa 132 000 Frauen und Kinder, 20 000 Männer und 1 000 weibliche Jugendliche aus 40 Nationen gequält und gepeinigt. Unter ihnen waren Widerständlerinnen, Kommunistinnen, Jüdinnen, Zeuginnen Jehovas, Prostituierte, Sinti und Roma. Am 30. April 1945 befreiten Truppen der sowjetischen Armee das Lager. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits viele Häftlinge auf Todesmärsche geschickt worden.

1938/39 wurde am Schwedtsee das größte Frauen-KZ des Deutschen Reiches errichtet. Foto: Archiv Nordkurier
1938/39 wurde am Schwedtsee das größte Frauen-KZ des Deutschen Reiches errichtet. Foto: Archiv Nordkurier

Am 12. September 1959 wurde außerhalb des ehemaligen KZ-Stammlagers mit einer Rede von Rosa Thälmann, der Tochter des 1944 ermordeten Komministenführers Ernst Thälmann, die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück eingeweiht. Die 2013 in der ehemaligen Kommandantur neu konzipierte, multimediale Dauerausstellung zeichnet einige der Schicksale von Eingekerkerten nach. Daneben geben Themenkomplexe wie Lagerorganisation, ärztliche Experimente, und Prostitution Einblick in den Alltag der Inhaftierten und Aufseher.

Der Wasserwanderrastplatz Fürstenberg. Foto: Archiv Nordkurier
Der Wasserwanderrastplatz Fürstenberg. Foto: Archiv Nordkurier

Die vielen Gewässer auch in den Ortsteilen – die einst Grundlage für Flößerei und Fischerei waren-, sind heute vor allem für den Tourismus wichtig. In der Wasserstadt schlägt das Herz des Fürstenberger Seenlandes. Auch heute zählen Fürstenberg/Havel und ihre Ortsteile zu der Region mit den besten Wasserqualitäten der Bundesrepublik! Was also könnte passender sein als der Name „Wasserstadt“ für einen Ort, der auf drei Inseln entstanden ist und das Tor zur Mecklenburgischen Seenplatte öffnet.

Fürstenberg bei Wassersportlern und Naturfreunden hoch im Kurs

Das Herz eines ausgedehnten Wald- und Seengebiets bietet beste Bedingungen für Wassersportler, Naturfreunde oder Aktivurlauber. Im Fürstenberger Seenland gibt es einige der schönsten und saubersten Badeseen Deutschlands. Wer die Landschaft von einem eher ungewöhnlichen Fortbewegungsmittel aus erleben möchte, erfährt sich die ehemalige Bahnstrecke zwischen Fürstenberg/Havel und Lychen mit der Fahrrad-Draisine.

Von Fürstenberg/Havel aus kann man die Fahrrad-Draisine auf Schienen ausprobieren. Foto: Archiv Nordkurier
Von Fürstenberg/Havel aus kann man die Fahrrad-Draisine auf Schienen ausprobieren. Foto: Archiv Nordkurier

80 Kilometer nördlich von Berlin gelegen, ist die Region bequem mit verschiedenen Verkehrsmitteln erreichbar. Der Regionalexpress RE 5 fährt im Ein-Stunden-Takt und braucht nur gut 60 Minuten vom Berliner Hauptbahnhof in die Wasserstadt Fürstenberg. Mit dem Auto reist man über die B 96 direkt in die Wasserstadt (Staugefahr!). Weitere Informationen: www.fuerstenberg-havel.de, www.reiseland-brandenburg.de, www.mecklenburgische-seenplatte.de, www.oberhavel.de. Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Straße der Nationen, 16798 Fürstenberg/Havel.