Foto-Ausstellung mit Gänsehaut-Garantie

Schloss Kummerow - Sammelbecken der Geschichte

von Silke Voß, 30.08.2016

Schloss Kummerow erzählt bereits Geschichte(n). In der grandiosen Fotografie-Sammlung mit Werken von Stars der internationalen Kunstszene und aus dem nicht unumstrittenen DDR-Alltag finden sich etliche überraschende Anekdoten. Und auch die tragische Geschichte eines Jungen aus Kummerow.

 

Faszinierend am gigantischen Projekt Schloss Kummerow mit seiner fotografischen Sammlung ist dessen Lebendigkeit. Hier fügen sich verschiedene Zeit- und Gedanken-Ebenen. Wohl jeder Besucher, egal welcher Sozialisation und Nationalität, dürfte beim Besuch dieses Kunsthauses etwas in sich anklingen fühlen. Zum einen kommen Gegenwart und Geschichte gleichermaßen zu ihrem Recht. Zugleich werden ästhetische Sinne und Kunstverstand nachhaltig angesprochen – und das auf witzig-unterhaltsame, provokante, nachdenkliche sowie manchmal auch schockierende Weise.

 

Das Schloss Kummerow wird seit fünf Jahren restauriert. Zum Jahresende
soll der äußere Putz fertig sein.

 

Historie pur innerhalb der Schlosswände

Unternehmen wir einen ausschnitthaften Rundgang durch die Privatsammlung des Berliner Schlossbesitzers Torsten Kunert. Am Anfang steht Historie pur. Im sogenannten Schwarz-weiß-roten Zimmer, das die von Maltzahns als letzte adlige Besitzer in eben jenen Farben eingerichtet hatten, ist viel Familien-Fotografie in Sepia – und ein Film, in dem drei ältere Damen als Zeitzeuginnen auftreten. Eine von ihnen ist Henny Eschler. Sie war Dienstmädchen bei Mortimer von Maltzahn und lebt heute noch in Kummerow.

 

Ein Bild von Schlossbesitzer Torsten Kunert, der das ehemalige Dienst-
mädchen Henny Eschler durch das Schloss führt.

 

Auch die DDR-Geschichte schlägt sich in den Mauern nieder

Dieser achtsame Umgang mit Geschichte findet seinen ästhetischen Ausdruck im ganzen großen barocken Haus. Wer nicht nur auf die Kunstwerke an den eigens für sie frisch geweißten Wänden schaut, entdeckt an den Decken alten Stuck, lediglich gesäubert und fixiert, und schöne Farbspiele aus noch vorhandenem Wanddekor.

Doch das Betrachter-Auge freut sich nicht nur über solch warme, lebendige Wandhäute, es zwinkert mitunter auch über Stolpersteine: Kommt da doch noch ein Stück Abwasserleitung aus der Decke, Zeuge äußerst pragmatischen Umgangs mit den banalen Dingen des Lebens im DDR-Alltag. Im Gartensaal als dessen Herzstück finden sich an den Wänden sogar noch stilisierte Cocktailgläser in 60er-Jahre-Ästhetik als verblichene Schablonen-Drucke – hübsches Relikt aus DDR-Zeiten, als hier viel getanzt und getrunken wurde.

 

Eines der vielen Ausstellungsbilder.

 

Mit den glücklicherweise verblassten Staatssymbolen an den Wänden des Spiegelsaals, ab September Standesamt, hat Besitzer Torsten Kunert sich im wahrsten Wortsinn was getraut. Denn nicht alle, vor allem ältere, möchten sich im Angesicht von Zirkel und Ährenkranz als Insignium einer Diktatur trauen lassen. Aber auch dieses Emblem gehört zur Geschichte des Hauses. Den Jüngeren bedeutet das eher Retro-Chic.

 

Nicht nur die schöne Seite wird gezeigt

Ungeschönte DDR-Alltags-Geschichte zeigen dafür Gundula Schulze-Eldowys Schwarz-weiß-Aufnahmen aus Ostberlin: Alkohol, Gewalt und verbrauchte Körper als Sujets sorgen bei Besuchern nicht selten sogar für Empörung, waren aber durchaus auch damals an der Tagesordnung. Man sieht außerdem in (lebens)-müde Arbeitergesichter in der Ostberliner U-Bahn, aufgenommen von Harald Hauswald.

 

 

Geheimtipp: Fotografien vieler renommierter Künstler

Mit Werken weltweit renommierter Stars der Fotografie- und Video-Szene wie Candida Höfer, Helmut Newton, Marina Abramovic, Andreas Gursky und Thomas Demand dürfte Kummerow zum Mekka Kunstinteressierter werden. Schon jetzt, wo die Sammlung im Schloss noch als Geheimtipp gilt, pilgern Fans von Hamburg bis Berlin extra hierher – und entdecken „nebenbei“ überhaupt erst die Schönheit des Kummerower Sees.

 

Ausstellungsführerin Juliane Henke vor ihrem Lieblingsbild "Seerosen
von Giverny" von Michael Wesely.

 

Eher zufällig hingegen entdeckte ein völlig entgeisterter Antwerpener Urlauber, dass Arbeiten seines berühmten Vaters Will McBride hier ausgestellt sind. Beim Rundgang finden sich auch Werke von Andreas Mühe, Sohn des Schauspielers Ulrich Mühe, der sich auf frappierende Weise mit der Nazi-Ästhetik auseinandersetzt. Oder wir schauen in einen romantischen Wolkenhimmel mit Sogwirkung, herbeigezaubert von Adrian Sauer, dem Stiefsohn Angela Merkels.

Die Ausstellung birgt auch Kuriositäten wie Aufnahmen eines verarmt verstorbenen tschechischen Fotokünstlers, der seine Kameras aus Toilettenpapierrollen fertigte, um damit junge Damen liebevoll festzuhalten.

 

Tragische Geschichte um Kummerower Jungen

Die wohl tragischste Geschichte aus Kummerow erzählt die bekannte „Sybille“-Fotografin Ute Mahler. Zu sehen ist das Foto eines Jungen, den sie in den 1980ern vor bröckelnder Schlossfassade beim Fußballspielen aufnahm. Jener Junge sollte später eine fragwürdige Drogen-“Karriere“ gemacht, dafür fünf Jahre im Knast verbracht und dann ein trauriges Ende genommen haben: Er wurde in Holland erschossen. Seine Eltern leben noch heute in Kummerow. Im Gedenken an ihn schmücken im Schloss immer frische Blumen das Bild.

 

Fotos: Silke Voß / NK

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